"Ecuador- das herzliche Land der vielen Kindergesichter "
Ecuador ist im Vergleich zu seinen lateinamerikanischen Nachbarn ein kleines Land. Es steht allerdings nicht wie ein kleines unscheinbares Pflänzchen in deren übermächtigen Schatten, sondern wird auch zu Recht "das Land, der vier Himmelrichtungen" genannt. "Klein aber fein" und von der Natur reich gesegnet. Die müssen wir allerdings erst suchen, denn die panamerikanische Lebensader des Landes ist hektisch und dieselabgasverseucht. Die Schönheit der Vulkane und der Anden ist lediglich durch einen blauen Schleier zu erahnen. Und die berüchtigten Fahrkünste der Ecuadorianer ersticken das entspannte Dahinfahren im Keim und lassen die bundesdeutschen Nackenhaare sich aufrichten (das gefährlichste Land Lateinamerika in punkto Verkehrssicherheit). Nur die parallel verlaufende alte Panamerika entwickelt romantische Gefühlte und holpert auf Kopfsteinpflaster unscheinbar und unbekannt durch die Anden.
Sowieso scheinen alle Reiseführer und -berichte voneinander abzuschreiben und dieselben Floskeln der Superlative zu benutzen. Der abenteuerliche Pioniergedanke Neues zu entdecken oder zu beschreiben scheinen in der tausendsten Auflage der "Galapagos Inseln", der "Vulkanstraße" oder des "Indioklassikers Otavalo" wieder im Keim zu ersticken, oder in einen Tiefschlaf zu verfallen, um auf andere Autoren zu warten. Oder ist Ecuador ein Land der touristischen Klassiker, wo alle Pfade ausgetrampelt und erschlossen sind?
Wir sind von der Vielfalt und Schönheit überrascht. Die Freundlichkeit und Offenheit der Menschen scheint sich auf unserer Reise wie ein roter Faden durchzuziehen und immer noch mal steigerungsfähig zu sein. Wir lernen also wie selbstverständlich Ecuadorianer kennen, die uns ihr Land zeigen, erklären. Und so hören wir von Dingen, die nicht in den Reiseführern stehen. Ecuador hat zurzeit ca. 13 Mio. Einwohner. Das lasen wir bereits im Reiseführer. Aber nicht, dass sich bis 2020 die Einwohnerzahl verdoppeln wird. Ein Gefühl für die Realität bekommen wir schnell, als wir durch die kleinen indigenen Andendörfer wandern und ein "Pläuschchen" halten. Denn jeder ist neugierig, will freundlich alles wissen und begrüßt uns immer mit einem rauen Handschlag: was wir hier machen, wie viele Kinder wir haben, wo wir arbeiten, wer wir sind usw.? Die armen Campesinos (Kleinbauern) erzählen im Gegenzug stolz von ihren 5, 8 oder 10 Kindern. Auch von denen, die schon als Kinder gestorben sind. Wir stehen zwischen ihren Lehmhütten oder den neu gebauten, kalten Betonhütten, die ein Regierungsprojekt locker gemacht hat und unterhalten uns auf spanisch und nicht auf quichua; der stinkende Müll liegt verstreut herum; die Hühner scharren und die Schweine schnüffeln um uns herum; die Mädchen drücken sich liebevoll aneinander und schauen sich die staubigen Haare nach Läusen durch; und die alte Oma mit verkrüppelten Füssen ohne Schuhe kommt neugierig aus ihrer Hütte gehumpelt. Warum sollten sie sich auch für ihre Armut schämen? Sie arbeiten hart auf ihren kleinen Feldern. Mittlerweile machen 95% der westlichen Andenhänge und des Tieflands kultivierte Flächen aus. Eine Lebensgrundlage, die wie aneinander gereihte Flickenteppiche aussieht, über 4000 m hoch liegt und teilweise ein Schwindel erregendes Gefälle von 60 Grad hat. Wann werden hierfür wohl die ersten Hangkühe gezüchtet, die auf der Talseite lange Beine und auf der Gipfelseite kurze Beine haben? Die Menschen, die hier leben und arbeiten haben keine Zeit für solche kindlichen Gedanken. 2/3 der Gesamtbevölkerung lebt unter dem Existenzminimum. Aber keine Spur von Traurigkeit oder Verschlossenheit gegenüber uns "wohlhabenden Ausländern". Sie lachen uns an, winken uns strahlend zu, reichen uns ihre schwieligen Arbeiterhände zur Begrüßung und freuen sich über jede Abwechslung.
7 Präsidenten in 10 Jahren scheinen die Ecuadorianer rein sportlich zu sehen und im jetzigen Wahlkampf (April 2009) werden trotzdem unermüdlich Fahnen geschwenkt und zum Himmel schreiend hässliche Plakate an die Häuser gehängt. Das aufgedunsene Mondgesicht von Irina mit dem jetzigen Präsidenten im Hindergrund würde bei uns wohl die Grenzen des guten Geschmacks überschreiten und die verantwortliche Werbeagentur verklagt werden. "Der Fisch fängt vom Kopf an zu stinken" und diese ehrlichen Menschen bekommen nur das Schwanzende des Fisches zusehen und resignieren trotzdem nicht. Vielleicht ist die nächste Regierung nur ein "bisschen korrupt" und kümmert sich ein wenig mehr um die Belange der Bevölkerung. Die Hoffnung stirt zuletzt.
Aber Ecuador ist nicht nur ein Entwicklungsland und besteht auch aus den Menschen, die scheinbar auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Eine Steigerung von reich scheint es hier nicht mehr zu geben, ob korrupt erworben oder auch ehrlich.
Jeder zehnte Ecuadorianer lebt im Ausland und verdient dort sein Geld für sich und seine Familien. Deshalb erscheint es uns auch wie selbstverständlich, als unser stolzer Taxifahrer ein Foto von sich und seiner Schwester vorm Weißen Haus in Washington zeigt. Mac-Rechner, iPhone, Geländewagen, Markenklamotten und eine hervorragende Ausbildung im Ausland sind noch keine Garanten für ein glücklicheres Leben, aber schon mal mehr als sich viele Campesinos überhaupt vorstellen können. Auf Ecuador scheit das alte DDR-Sprichwort zu zutreffen: es gibt alles, nur nicht für jeden!